Das jüdische Leben in Natzungen
Bislang fehlten auf unserer Homepage noch Informationen über unsere ehemaligen jüdischen Mitbewohner. Um ihr Andenken zu bewahren, habe ich versucht, vorhandene Informationen aus verschiedenen Quellen möglichst kompakt zusammenzutragen.
Die jüdische Bevölkerung in Natzungen
-
Historischer Rahmen
Ort: Borgentreich-Natzungen (Kreis Höxter)
Territoriale Zugehörigkeit:
- Bis 1802/03: Fürstbistum Paderborn
- Danach wechselnde Herrschaften (Preußen, Königreich Westphalen)
- Ab 1815: Königreich Preußen
- Seit der Gebietsreform 1975: Ortsteil der Stadt Borgentreich
Nach der Einrichtung der Synagogenbezirke Mitte der 1850er Jahre gehörte Natzungen zum Synagogenbezirk Borgholz.
-
Frühe jüdische Ansiedlung (17.–18. Jahrhundert)
Bereits im 17. Jahrhundert lebten jüdische Familien in Natzungen:
- 1671–1681: Meyer Frosch und Meyer Moses erhielten Geleitbriefe und wurden im Generalgeleit geführt.
- 1675/77: Erwähnung jüdischer Steuerzahler in der Judenschaftlichen Taxordnung.
- 1704: Drei jüdische Haushalte sind belegt, mit stark unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen.
- 1720–1739: Mehrere Gerichtsverfahren, u. a. wegen Handgreiflichkeiten und Beleidigung.
- 1730–1788: Kontinuierliche Präsenz jüdischer Haushalte, überwiegend vom Handel oder handwerklichen Tätigkeiten lebend.
Um 1770 lassen sich fünf jüdische Haushaltsvorstände nachweisen, darunter Händler, eine Strickerin sowie Familien mit Kindern.
1788 lebten mindestens vier jüdische Familien im Ort.
Auch unvergeleitete auswärtige Juden hielten sich zeitweise in Natzungen auf; diese wurden 1793 behördlich ausgewiesen.
-
Entwicklung im 19. Jahrhundert
3.1 Bevölkerung und Namen
Im Zuge der politischen Umbrüche zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs die jüdische Bevölkerung zeitweise an.
- 1812: Einführung fester Familiennamen aufgrund westphälischer Gesetzgebung
- Beispiele: Gans, Eichenberg, Deutsch, Grabe, Herz
- 1810–1812: 6–7 jüdische Haushalte mit bis zu 30 Personen
3.2 Berufe
Für das 19. Jahrhundert sind u. a. belegt:
- Schneider und Schneidergesellen
- Schuhmacherlehrling
- Trödler, Schächter, Packenträger
- Mehrere Personen ohne festen Beruf
1861 sind sechs jüdische Familienvorstände namentlich nachgewiesen.
3.3 Abwanderung und Auswanderung
- 1818–1839: Einzelne Abwanderungen, u. a. wegen Militärpflicht
- 1846–1881: Mindestens acht jüdische Männer wanderten aus, fünf davon nach Amerika
- Zwei weitere verließen den Ort ohne behördliche Genehmigung
-
Jüdisches Gemeindeleben
4.1 Kultusgemeinde
- Vor 1809 bestand eine eigene jüdische Kultusgemeinde in Natzungen
- Sie umfasste auch die jüdischen Familien in Frohnhausen und Natingen
- Ab Mitte der 1850er Jahre: Zugehörigkeit zum Synagogenbezirk Borgholz
4.2 Betsaal und Einrichtungen
- Anfang des 19. Jahrhunderts bestand ein Betsaal in einem Privathaus
- Während der Zeit des Königreichs Westphalen wurde ein eigener Betraum eingerichtet
- Begräbnisplatz war der jüdische Friedhof in Borgholz
4.3 Schule und Wohlfahrt
- Kein eigener jüdischer Schulunterricht im Ort
- 1903: Jüdische Kinder besuchten die Schule in Beverungen
- Unterstützung der Marks-Haindorf-Stiftung in den 1870er Jahren
- Bevölkerungszahlen (Auswahl)
- 1812: 27 Juden
- 1843: 39
- 1858: 28
- 1871: 22 von 667 Einwohnern
- 1895: 10 von 669
- 1925: 12 von 759
1929: In Natzungen, Frohnhausen und Natingen lebten jeweils noch zwei jüdische Familien.
-
Nationalsozialismus, Verfolgung und Deportation
- 1937: Leo Mathias beantragte die Auswanderung nach Argentinien
- 1937/38: Walter Vorreuter emigrierte in die USA
- Novemberpogrom 1938: Auch in Natzungen kam es zu Ausschreitungen
Ende 1938 lebten noch:
- Adolf Vorreuter (Kaufmann und Gastwirt)
- Familie Salli Mathias (Kaufmann und Landwirt)
- Viehhändler Max Mathias
1942 wurden sieben Juden aus Natzungen deportiert, darunter:
- Hilde und Max Mathias
- Meier und Johanna Speier
- Julie Kuhlemeier
- Salli und Rosa Mathias (Theresienstadt)
Weitere gebürtige Natzunger Juden wurden aus anderen Städten deportiert, u. a. aus Bielefeld, Borgholz, Scherfede, Siegburg und Berlin.
-
Häuser und Besitz
- Um 1900 besaß Bernhard Vorreuter ein Wohn- und Geschäftshaus mit Gastwirtschaft (Schloßstraße 22, ehemaliger „Treff“), dass Adolf Vorreuter 1939/40 verkaufen musste
- Das Haus von Sally Mathias wurde abgerissen und neu errichtet
- Das frühere Kornlager ist noch erhalten (Deichstraße 11)
Quelle: https://www.lwl.org/hiko-download/OA_DT/Borgentreich-Natzungen_(Hengst)_317-319.pdf

Weitere Informationen zur Familie Mathias
Salli wurde am 16. August 1870 in Herlinghausen geboren. Seine Mutter war unverheiratet; ein Vater ist im Geburtsregister nicht vermerkt. Hinweise auf sein weiteres Schicksal finden sich in einem Beschluss aus dem Jahr 1950 zu einem Antrag von Leo Mathias (vermutlich ein Sohn) und dessen Ehefrau Selma Glaser. Darin heißt es:
„Es werden
- der Viehhändler Salomon Mathias, geboren am 16. April 1870 in Herlinghausen bei Warburg, zuletzt wohnhaft in Natzungen,
- dessen Ehefrau Rosa, geborene Kuhlemeyer, geboren am 9. Juni 1875 in Haustenbeck/Lippe, zuletzt wohnhaft in Natzungen,
für tot erklärt.“
Im Geburtsregister von 1870 findet sich zudem ein Eintrag aus dem Jahr 1939 über die zwangsweise Einführung des Zusatznamens „Israel“.
Der Beschluss führt weiter aus, dass das Ehepaar bis 1942 in Natzungen lebte und im August 1942 von der Ortspolizei Natzungen „abgeholt“ und nach Theresienstadt deportiert wurde. Salli und Rosa Mathias erscheinen zudem auf der Deportationsliste vom 31. Juli 1941 von Münster/Bielefeld nach Theresienstadt. Ihre letzte dokumentierte Lebensspur sind die Karteikarten aus dem Ghetto Theresienstadt mit dem Stempel „Bq 23.IX.1942“, der das Datum der weiteren Deportation in ein Vernichtungslager kennzeichnet.
Salli und Rosa wurden am Tag ihrer Ankunft im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Salli war 71 Jahre alt, Rosa 67 Jahre.
Quelle: https://www.hofgeismar.de/museum-hofgeismar/download/handbuch-wettesingen.pdf?cid=s7f
Reichprogrammnacht 1938
Im Bericht des Bürgermeisters des Amts Borgentreich vom 17. November 1938 über die Ereignisse der „Aktion gegen Juden“ vom 10. November 1938 wird auch Natzungen ausdrücklich genannt. Der Text stellt eine amtliche Darstellung der Novemberpogrome auf lokaler Ebene dar und dokumentiert die dort verübten Zerstörungen.
Für Natzungen wird zunächst das jüdische Geschäft von Adolf Vorreuter aufgeführt. Dieses Geschäft wurde während der Aktion schwer beschädigt: Das Inventar wurde zum größten Teil zerschlagen, Warenbestände teilweise vernichtet oder unbrauchbar gemacht und die Fenster des Gebäudes eingeschlagen. Der Bericht beschreibt damit die gezielte wirtschaftliche Zerstörung einer jüdischen Existenzgrundlage, wie sie für die Pogromnacht typisch war.
Darüber hinaus nennt der Bericht zwei jüdische Einwohner Natzungens, deren Wohnhäuser beziehungsweise Wohnungen verwüstet wurden: Adolf Vorreuter und Sally Mathias. In beiden Fällen wurden die Fenster der Gebäude zertrümmert sowie Möbel und sonstiges Wohnungseigentum zerschlagen. Die Angriffe richteten sich somit nicht nur gegen Geschäfte, sondern auch unmittelbar gegen den privaten Lebensraum der Betroffenen.
Der Bürgermeister betont in seinem Bericht mehrfach, dass es in seinem Amtsbezirk – und damit auch in Natzungen – zu keiner Brandstiftung gekommen sei und keine Juden verletzt oder getötet worden seien. Solche Formulierungen sind typisch für behördliche Darstellungen der Zeit, die das Ausmaß der Gewalt oft relativierten oder als „geordnet“ erscheinen ließen. Tatsächlich belegen die beschriebenen Verwüstungen jedoch massive Sachschäden, Einschüchterung und die systematische Zerstörung jüdischer Lebensgrundlagen.
Der Bericht enthält außerdem Aussagen zur Stimmung in der Bevölkerung. Der Bürgermeister schreibt, ein erheblicher Teil der Einwohner habe die Aktion nicht verstanden oder ihr innerlich ablehnend gegenübergestanden; Juden seien teilweise bemitleidet worden. Zugleich erwähnt er aber auch eigennützige Reaktionen, etwa die Hoffnung mancher Schuldner, ihre Verbindlichkeiten gegenüber jüdischen Geschäftsleuten nicht mehr begleichen zu müssen. Diese Passagen zeigen, dass die Pogrome staatlich gelenkt waren, die Haltung der Bevölkerung jedoch nicht einheitlich war.
Zusammenfassend belegt der Bericht, dass auch das kleine Dorf Natzungen unmittelbar in die reichsweiten Novemberpogrome von 1938 einbezogen war. Mit der Zerstörung eines jüdischen Geschäfts sowie der Verwüstung von Wohnungen jüdischer Einwohner traf die Gewalt zentrale Bereiche des wirtschaftlichen und privaten Lebens der Betroffenen und war Teil der systematischen Verfolgung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung.
Quelle: https://www.jugend1918-1945.de/ND/default.aspx?root=29189&id=35219
Eklat beim Jubiläumsschützenfest 1935
Jubiläums – Schützenfest am 30. Juni und 1. Juli 1935 anlässlich des 1oo-jährigen Bestehens des Natzunger Schützenvereins.
Das „Dritte Reich“ hatte begonnen und die neuen Machthaber griffen massiv in das Vereinsgeschehen ein. Auf Veranlassung der Nazis mussten die jüdischen Mịtbürger Mathias und Vorreuter den Schützenverein verlassen. In der Generalversammlung vom 11.Febr. 1934 Protokollbuch Seite 104 heißt es: „Alsdann wurde noch bekannt gegeben, dass Nichtarier dem Schützenverein nicht mehr angehören können und aus demselben ausscheiden müssen.“ Zum Eklat kam es dann ausgerechnet am Jubiläumsfeste. Der Vorstand hatte von den immer hilfsbereiten jüdischen Schützenbrüdern Max und Leo Mathias die Kutsche ausgeliehen und das Jubiläums-Königspaar wurde an beiden Festtagen mit der Judenkutsche durch das Dorf gefahren. Am Dienstagmorgen lagen als Antwort der Nazis Hunderte von kleinen Flugblättern auf den Natzunger Straßen. Sogar die Geheime Staatspolizei schaltete sich ein. Folgen sind aber nicht bekannt geworden.
Quelle: Chronik der Schützenbruderschaft
Welche Juden standen in Verbindung mit Natzungen?
Dazu gibt es Informationen im Bundesarchiv:
Quelle: https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/




